
*****
Cassian Otis Hawthorne ist einer von beiden Zwillingssöhnen von den Hawthornes.
Sein älterer Zwillingsbruder, wenn auch nur um wenige Minuten, war als Erstgeborener genau der Sohn, den sich seine Eltern gewünscht hatten.
Dass es Zwillinge werden, hatten sie kurz vor der Geburt nicht gewusst und somit war die Überraschung umso größer, als es bei der letzten Untersuchung beim Ultraschall herausgekommen war. Cassian wurde immer verdeckt, als hätte sein Zwillingsbruder ihn dauernd beschützen wollen, als wäre dies wichtig.
Schon als Cassian klein war, bekam er zu spüren, dass er nur ein „Anhängsel“ war, ein Kind, welches da war, aber nicht unbedingt gebraucht wurde Cassian sah zu, wie sein Zwillingsbruder die meiste Aufmerksamkeit bekam, die meisten Geschenke, die Liebe und Fürsorge.
Cassian beschwerte sich nie, unter keinen Umständen. Er hatte gelernt, damit umzugehen, schon als er klein war, das zu nehmen und das zu bekommen, was ihm gegeben wurde. Dafür liebte er seine Großeltern, und das sehr, mehr, als er seine eigenen Eltern tatsächlich liebte. Schon zu Anfang bemerkten seine Großeltern, dass Cassian immer zurückstecken musste, und deswegen umsorgten sie ihn am meisten, sodass jedes Kind Aufmerksamkeit bekam, von dem einen mehr, von dem anderen weniger. Cassian liebte es, die Aufmerksamkeit seiner Großeltern für sich alleine zu haben, und fand es daher nicht mehr so schlimm, dass seine Eltern offensichtlich nur für ihren erstgeborenen Sohn interessiert waren Kaum dass er laufen konnte, nahmen seine Großeltern ihn immer wieder zu sich. Sie hatten einen Hof, eine kleine Farm, mit allerhand Tieren. Cassian liebte die Farm, die Tiere und die frische Luft, in der er sich befand. Er wuchs also schon von klein auf mit Tieren und der Natur auf. So war es nicht verwunderlich, dass, als er älter wurde, er mehr Interesse an den Tieren und der Farm hatte. Es ging sogar so weit, dass er mit dem Reiten anfing und dann später, mit 12 Jahren, bereits eine eigene Stute bekam. Sie war pechschwarz wie die Nacht, eine absolute Schönheit, weswegen er sie auf den Namen Black Beauty taufte. Sie war nicht nur ein Pferd, sie war sein Ein und Alles, sein Anker, sein Seelenpferd. Man sagt, das Glück der Welt findet man auf dem Rücken der Pferde – oder so ähnlich. Und ja, das fand er dort wirklich. Er ritt mit ihr Turniere, trainierte sie und war für sie da, wenn es ihr schlecht ging. Seine Schule vernachlässigte er nicht, denn er wollte, dass seine Großeltern stolz waren, nicht seine Eltern, sondern seine Großeltern, die mehr oder weniger mehr für ihn Eltern waren, als es seine wirklichen Eltern je sein könnten.
Er schloss seine Schule ab, entschied sich, die Farm als sein Hobby laufen zu lassen, und ließ die Naturliebe nicht in seinen Beruf einfließen. Er begann eine Ausbildung im Hotel – zum Hotelfachmann – und da bemerkte er auch, dass er den Männern zugetan war. Er hatte es schon früher leicht bemerkt, die Blicke, die er anderen Jungs hinterhergeworfen hatte, doch wirklich bewusst wurde es ihm erst, als er sich offensichtlich damit befasst hatte.
Lucas. Er hatte die gleiche Ausbildung angefangen und er empfand direkt eine offensichtliche Anziehung zu diesem Azubi. Cassian war schon ausgelernt und hatte die Aufgabe, dass er Lucas an seinem ersten Tag herumführte. Man vertraute Cassian, er machte seine Arbeit gut und hatte immer erstklassige Noten bekommen, immer, ausnahmslos.
Cassian nahm sich nichts und flirtete, als wollte er sein Glück oder das Schicksal auf die Probe stellen. Leider sah Lucas nur verwirrt drein und erwiderte Cassians Flirtversuche nicht. Cassian, der zwar traurig über diese Tatsache war, konnte daran nichts ändern. Er hatte sich damit abgefunden, dass sein Herz sich an jemandem festgebissen hatte, der offensichtlich kein Interesse an Männern hegte.
Das brach aber nichts ab, sie wurden Freunde, dann zu besten Freunden und Cassian? Seine Liebe, seine Gefühle blieben, ausnahmslos.
Zwar versuchte Cassian, seine öffentliche Zuneigung zu verstecken, bekam es aber nie sonderlich gut hin, doch Lucas schien damit kein Problem zu haben. Sie blieben Freunde, beste Freunde, bis … vor einem halben Jahr Cassian mit seinem Zwillingsbruder unterwegs war. Er versuchte, seinem Zwillingsbruder zu sagen, dass dieser nicht mehr fahren sollte, weil er zu betrunken war und Cassian selbst nichts getrunken hatte, aber sein Zwillingsbruder meinte, dass er es besser wüsste und er wüsste, was er tat, er würde schon keinen Unfall bauen, doch es kam genau anders.
Die Straße war glatt vom Regen und den Blättern, die darauf lagen, und sein Zwillingsbruder konnte die Kontrolle nicht mehr halten. Das Auto fiel in den Graben, überschlug sich und beide Männer verloren das Bewusstsein. Cassian wusste nicht, was genau passiert war. Als er aufwachte, war er auf der Intensivstation, war an Schläuchen und er war alleine. Die Geräte fingen direkt an zu piepen, als sich Cassian davon losmachte und nach seinem Zwillingsbruder suchen wollte. Er ließ sich nicht beruhigen, weswegen man ihm etwas verabreichte, damit er wieder zur Ruhe kam. Ein paar Tage später erklärte man ihm, dass sein Bruder zu schwere Verletzungen erlitten hatte, an denen er schließlich verstorben war. Mr. De Santis, der seinen Bruder und ihn operiert hatte, war sichtlich betroffen, als er ihm diese traurige Botschaft offenbaren musste, und Cassian? Er wusste nicht, was er fühlen sollte. Zuerst fühlte er Wut und dann tiefe Trauer. Auf dem Flur hörte er, wie eine Krankenschwester fragte, ob sich die Eltern von dem jungen Mann angekündigt hatten. Sie hatten mitgeteilt, sie würden Klamotten vorbeibringen, doch die andere schüttelte nur den Kopf und flüsterte, dass sie die Tasche im Ärztezimmer abgestellt hatten und meinten, sie könnten ihm nicht in die Augen sehen. Cassian wusste nicht, was schlimmer war: der Verlust seines Bruders oder die offizielle Abneigung seiner Eltern, die ihm offensichtlich die Schuld am Ganzen gaben?
Jetzt, fünf Jahre nach dem Unfall, lernte er wieder, zu lachen, zu leben, zu genießen. Er zog bei seinen Großeltern aus, einfach, weil er schon lange ausgelernt hatte und nicht dauernd bei ihnen hocken konnte, vielleicht nicht wollte. Er war ihnen unfassbar dankbar und er war glücklich, dass es sie in seinem Leben gab. Er hätte nicht gewusst, was er sonst getan hätte, ob er noch da wäre … aber jetzt, mit 26 Jahren, wollte er wirklich seine eigene Wohnung, sein eigenes Leben, auch wenn er noch immer oft und viel bei seinen Großeltern war, auf der Farm half, mit seiner Stute Black Beauty arbeitete.
Liebe? Nun ja. Lucas, sein bester Freund, er wusste es sicherlich, natürlich wusste er es - Cassian hatte es nie verheimlicht, dass er auf ihn stand, aber bislang blieben diese Gefühle unerwidert und ein Teil von Cassians Herzen, hatte sich damit arrangiert.
******