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Aria Preston wuchs zwischen Backsteinhäusern, kleinen Vorgärten und engen Straßen etwas außerhalb vom Trubel in Kansas auf. Nur zwei Minuten nach ihrem Zwillingsbruder erblickte sie das Licht der Welt. Ein Umstand, mit dem ihr Bruder sie bis heute noch gerne aufzog und doch, hatten die beiden schon früh eine enge Bindung. Trotzdem konnten sie nicht unterschiedlich sein was ihren Charakter und auch ihr Aussehen betraf. Während er immer der Lautere der beiden war, der gerne im Mittelpunkt stand, war Aria schon immer die Ruhigere, die erst analysierte und dann sprach. Doch genau diese Unterschiede machten sie zu einem perfekten Team.
Ihr Bruder zog sie aus ihrer Komfortzone, brachte sie dazu, mutiger zu sein und sich nicht ständig in Gedanken zu verlieren. Aria wiederum war die Person, die ihn beruhigen konnte, wenn seine impulsive Art ihn wieder in Schwierigkeiten brachte. Die beiden verstanden sich oft ohne Worte. Ein kurzer Blick reichte aus.
Ihre Mutter arbeitete in einem kleinen Café am Stadtrand, weshalb Aria einen großen Teil ihrer Kindheit zwischen Kaffeeduft, Musik und dem Stimmengewirr fremder Menschen verbrachte. Schon damals liebte sie die Atmosphäre solcher Orte.
Ihr Vater war handwerklich begabt und ständig damit beschäftigt, alte Möbel zu restaurieren oder irgendetwas im Haus umzubauen. Das Zuhause der Prestons war nie wirklich „fertig“. Überall standen Werkzeuge herum, Holzplatten lehnten an Wänden oder halb gestrichene Möbel warteten auf ihren letzten Anstrich. Von ihm lernte Aria früh, dass Schönheit oft in Unperfektem lag. Schon als Kind begann sie deshalb, ständig ihr Zimmer umzugestalten. Möbel wurden verschoben, kleine Lampen und Bilder aufgehängt oder mit alten Flohmarktschätzen dekoriert. Ihr Bruder machte sich oft darüber lustig und behauptete, sie würde ihr Zimmer jede Woche neu erfinden.
Mit den Jahren wurde Aria zu einer jungen Frau mit einer warmen und offenen Ausstrahlung. Menschen fühlten sich bei ihr verstanden. Sie hörte zu, ohne zu urteilen.
Rückblickend hatte sie eine schöne und behütete Kindheit und Jugend. In der Schule hatte sie keinen großen Freundeskreis aber dafür enge Freundschaften, die sie mit Herz und Seele pflegte.
Als die Zwillinge siebzehn waren, begann ihre Familie langsam auseinanderzufallen. Die Ehe ihrer Eltern zerbrach. Gemeinsame Abende wurden seltener und irgendwann fühlte sich das Haus, das früher voller Leben gewesen war, leer an. Als ihr Vater schließlich auszog, versuchte Aria verzweifelt, alles irgendwie zusammenzuhalten. Sie kümmerte sich um ihre Mutter und tat so, als würde sie mit allem klarkommen. Innerlich fühlte sie sich jedoch zum ersten Mal wirklich verloren.
Ihr Bruder hielt es dagegen kaum noch zu Hause aus. Kaum war er achtzehn geworden, buchte er spontan einen Flug nach Australien. Anfangs sollte es nur eine Reise sein und er versprach Aria, zurückzukommen. Die ersten Monate telefonierten die beiden ständig und sie hatte den Eindruck, dass es ihm wirklich gut tat, Abstand von ihrem zerbrochenen Elternhaus zu bekommen. War da ja immer die Hoffnung, er würde wieder zurückkommen. Doch aus Monaten wurden Jahre. Er blieb in Australien, baute sich dort ein eigenes Leben auf und sprach irgendwann kaum noch davon, zurückzukommen. Seine Nachrichten wurden kürzer, die Anrufe seltener. Nicht, weil er Aria nicht liebte, sondern weil Australien sich für ihn mehr nach Zuhause anfühlte als Kansas. Für Aria fühlte sich das trotzdem wie ein weiterer Verlust an.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie heute so sehr versucht, anderen ein Gefühl von Zuhause zu geben. Als Innendesignerin gestaltet sie Wohnungen, kleine Cafés oder Boutiquen mit viel Liebe zum Detail. Warme Farben, sanftes Licht und persönliche Gegenstände. Räume, die Menschen das Gefühl geben, bleiben zu wollen. Ebenso schlendert sie jede Woche über einen anderen Flohmarkt oder Garagenverkauf, auf der Suche nach Schätzen, die sie restaurieren und in ihre Arbeit einbauen kann. Irgendwann kaufte sie dort auch ihre erste Postkarte und nach und nach wurde dies zu einer kleinen Leidenschaft. Postkarten aus aller Welt zu sammeln, obwohl sie an diesen Orten noch nie gewesen war.
Nach außen wirkt Aria offen, lebensfroh und herzlich. Sie lacht viel, kommt schnell mit Menschen ins Gespräch und schafft es mühelos, dass andere sich in ihrer Nähe wohlfühlen. Doch tief in ihr steckt die leise Angst, dass Menschen irgendwann gehen könnten, ohne wirklich zurückzukommen. Und obwohl inzwischen Jahre vergangen sind, schaut sie noch immer jedes Mal automatisch auf ihr Handy, wenn eine Nachricht mit australischer Vorwahl auftaucht und während sie das tat, passierte etwas, was ihr Leben erneut auf den Kopf stellen sollte.
Plötzlich stolperte sie in Dimitrijs Leben. Oder vielleicht war es andersherum? So genau wussten die beiden das selbst nicht und doch war da dieses Gefühl von Vertrautheit und Ruhe, welches sie lange und insgeheim vielleicht gesucht hatte. Unwissend, dass diese Beziehung, die noch keine wirkliche war und doch ihr Leben schon so prägte, auf wackligen Beinen stand. Denn Vergangenheit, dunkle Seiten und Zukunftspläne ließen sich nicht immer so einfach miteinander vereinen...
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